Ist das ein Mensch?

Riace, 11. Juni 2019, ich sitze in der Bar von Alessio auf der Piazza mit Blick auf das Meer und den Guerriero von Carlos Atoche beim Frühstück, das bedeutet: cornetto marmellata, cappuccino, aqua, journali. Heute ist der erste Prozesstag von Mimmo Lucano in Locri, und wir wollen uns solidarisch an seine Seite stellen. In der La Repubblica finde ich den Artikel: “A New York una lettura maratona per Primo Levi”. Ja, wie wunderbar ist das denn! Ach, wie gerne wäre ich dabei!
Auf der Fahrt nach Locri nehme ich mir vor, sobald ich zurück in Berlin bin, eine Marathon-Lesung in Deutschland zu finden und dorthin zu fahren. Zurückgekehrt finde ich auf der Website der Public Library auch sofort den Veranstaltungshinweis: “Thinking Out Loud: Primo Levi at 100: If This Is a Man, June 12, 2019”, eine Kooperation zwischen der Public Library und dem Italienischen Kulturinstitut in New York. Sie lesen das Werk in 8 Stunden und in 24 Sprachen. Wie schön!
Hier in Deutschland finde ich keine Veranstaltungen am 31. Juli, nichts. Aus: Ist das ein Mensch? wurde im Januar 2019 gelesen, im Mai erneut, ja, ich weiß. Immerhin. Ich gehe auf die Suche nach den Übersetzungen seines Werkes hier in Berlin. Wir sind ja schließlich eine Weltstadt. Denke ich. Da werde ich ja viele Ausgaben finden. Denke ich. Und ich nehme mir vor, selbst diese Marathon-Lesung am 31. Juli 2019 zu gestalten.

Bei Dussmann finde ich letztendlich eine portugiesische Ausgabe, bei Zadig die französische. Die deutsche, englische, spanische Ausgabe und das italienische Original müssen allesamt bestellt werden, obwohl sein 100. Geburtstag ja schon sehr nah ist. Alle anderen Versionen sind nicht zu bekommen. Also wende ich mich an Freund*innen.
Arabisch und Farsi finde ich mithilfe von M. auf einer Internet-Seite für arabische Bücher zum kostenlosen Download, N. versucht noch, mir eine arabische Ausgabe aus Beirut über ihre nach Berlin kommende Schwester mitbringen zu lassen. Sh. schreibt mir aus Istanbul und meint, eine hebräische Ausgabe am besten direkt aus Tel-Aviv zu beziehen. Okay, antwortete ich ihr, dann suche ich jetzt Tel-Aviv-Reisende, die am 30. Juli zurück sind. Eine kurdische Ausgabe gibt es noch gar nicht. L. empfiehlt mir die Staatsbibliothek, diese recherchiert für mich deutschlandweit, finden lassen sich jedoch auch nur deutsch, englisch, italienisch. Die Public Library nennt mir drei New Yorker Buchhandlungen. Zum Glück ist E. gerade bei ihrer Mutter dort und am 30. Juli zurück in Berlin, mal sehen. Mittlerweile denke ich, na gut, für eine Einladung wird es langsam zu spät, notfalls lese ich das auch ganz alleine in Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch und lasse einfach die Tür offen stehen in der Hoffnung, dass Mitleser*innen spontan hineinkommen. Mein Spanisch und Portugiesisch sind komplett verschwunden, andere Sprachen habe ich leider nie gelernt. Schade!

Anlässlich der Seebrücke-Demonstration am 6. Juli zur sofortigen Freilassung von Carola Rackete und zum sofortigen Wiederauslaufen der Sea Watch 3 besteht mein Demoschild aus der Karikatur von Stuttmann: Europas klammheimliche Hoffnung und dem Beginn von Ist das ein Mensch? in drei Sprachen: Ihr, die ihr gesichert lebet … Voi che vivete sicuri … You who live safe … Die Italiener*innen, die auf der Demonstration sind, kennen das Werk selbstverständlich, in Italien gibt es selbstverständlich auch Veranstaltungen zu seinem 100. Geburtstag. Von den deutschen Demonstrant*innen kennt es so gut wie niemand, vielleicht jede*r 20.

Primo Levi, geboren am 31. Juli 1919 in Turin, schrieb dieses Werk bereits kurz, nachdem er aus Ausschwitz befreit wurde und den mühevollen Weg aus dem KZ zurück nach Turin (La Tregua – Die Atempause) überlebt hat. In Italien wurde es bereits 1947 in einer kleinen Auflage von 2.500 Exemplaren veröffentlicht, dann vergessen. 1958 griff es Einaudi wieder auf. In Deutschland brachte es 1961 zuerst S. Fischer heraus, es fand hier jedoch nur wenig Aufmerksamkeit. Inzwischen ist es in 35 Sprachen übersetzt und international bekannt.
Das erste Mal las ich es als Kind, den abendlichen Gesprächen meiner Familie lauschend war mein Interesse geweckt. Ich erinnere mich leider nicht mehr und kann es mir auch heute nicht mehr vorstellen, was ich bei meinem ersten Lesen als Kind empfand. Es ist so still, so wahrhaftig, so unglaublich menschlich bei all’ der anklagelos beschriebenen Unmenschlichkeit, dass sich wohl niemand den Worten Primo Levi’s entziehen kann.
Meine Lektüre des Buches wiederhole ich seit einigen Jahren jeweils im Januar, in dem Versuch zu verstehen, was in der Welt geschieht und es bei allen uns gegebenen Möglichkeiten kein adäquates Reagieren gibt. Das Wissen um die Todeslager unserer Zeit, sei es an der USA-Mexiko-Grenze, sei es in europäischen, asiatischen, afrikanischen Ländern und das bewusste Sterbenlassen im Mittelmeer lässt für mich dieses Buch in einer Aktualität wieder aufleben, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dass es jede*r Mensch*in auf dieser Welt kennen und beherzigen möge:

“Ich glaube, in den Schrecken des Dritten Reichs ein einzigartiges, exemplarisches, symbolisches Geschehen zu erkennen, dessen Bedeutung allerdings noch nicht erhellt wurde: die Vorankündigung einer noch größeren Katastrophe, die über der ganzen Menschheit schwebt und nur dann abgewendet werden kann, wenn wir alle es wirklich fertigbringen, Vergangenes zu begreifen, Drohendes zu bannen.”

schreibt Primo Levi in seinem Nachwort zur deutschsprachigen Neuausgabe von S. Fischer im Jahre 1979.
Im Jahre 2019, vierzig Jahre später, erlaube ich mir hinzuzufügen: Wir alle haben es nicht wirklich fertiggebracht, Vergangenes zu begreifen, Drohendes zu bannen, sondern befinden uns heute inmitten “einer noch größeren” im Sinne von weltweiten Katastrophe. Sind wir Mensch*innen?

Ist das ein Mensch?

Ihr, die ihr gesichert lebet
In behaglicher Wohnung;
Ihr, die ihr abends beim Heimkehren
Warme Speisen findet und vertraute Gesichter:

Denket, ob dies ein Mann sei,
Der schuftet im Schlamm,
Der Frieden nicht kennt,
Der kämpft um ein halbes Brot,
Der stirbt auf ein Ja oder Nein.
Denket, ob dies eine Frau sei,
Die kein Haar mehr hat und keinen Namen,
Die zum Erinnern keine Kraft mehr hat,
Leer die Augen und kalt ihr Schoß
Wie im Winter die Kröte.

Denket, daß solches gewesen.
Es sollen sein diese Worte in eurem Herzen.
Ihr sollt über sie sinnen, wenn ihr sitzet
In einem Hause, wenn ihr geht auf euren Wegen,
Wenn ihr euch niederlegt und wenn ihr aufsteht;
Ihr sollt sie einschärfen euern Kindern.

Oder eure Wohnstatt soll zerbrechen,
Krankheit soll euch niederringen,
Eure Kinder sollen das Antlitz von euch wenden.
Primo Levi
(31. Juli 1919 – 11. April 1987)

Ich lade herzlich zu der Lesung von Primo Levi’s Werk SE QUESTO È UN UOMO – Ist das ein Mensch? an seinem 100. Geburtstag, am 31. Juli 2019, ab 14.00 Uhr in die Schillerstraße 106 in Berlin-Charlottenburg ein.
Das Werk liegt hier vor in folgenden Sprachen: Italienisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Arabisch und Farsi.
Über alle weiteren mitgebrachten Sprachen freue ich mich sehr! Und für jeden Hinweis, wo ich hier in Berlin weitere Ausgaben finden kann, bin ich sehr dankbar.

Carla Kirsten Müller-von der Heyden,
Berlin, 22. Juli 2019